SECHS TAGE, DREI SPIELE, ZWEI STÄDTE..

Um kurz nach sechs zeigt die Wetter-App in München drei Grad an. Drei. Grad. Wer um diese Uhrzeit am Olympiapark vorbeifährt, hat entweder Frühschicht oder einen Flieger nach Istanbul zu erwischen – in unserem Fall Letzteres. Drei Auswärtsspiele in sechs Tagen, zwei davon in derselben Stadt, dazwischen ein freier Tag und zum Abschluss noch ein Abstecher an die Elbe: Das klingt auf dem Papier nach Städtetrip mit Basketball-Beilage. Ist es natürlich nicht. Aber ein bisschen eben doch.

Istanbul, da war doch was? Genau, zum Saisonstart gab’s hier schon mal eine deutliche Niederlage (aua!). Also steht man mit einer kleinen offenen Rechnung am Gate, neben Koffern, Trainingstaschen und einer überschaubaren Menge an Wachheit. Ein paar Stunden später rollt das Fahrwerk über die nasse Landebahn des Istanbul Airport, eines Flughafens, bei dem man sich fragt, ob hinter dem letzten Gate noch ein eigener Stadtteil kommt. Danach: Taxi, Stau, Hochhäuser, Nieselregen. Und Katzen. Überall Katzen.

Mittwoch, Gameday eins. Vormittags Shootaround in der Halle von Anadolu Efes: ein paar Würfe, Kreis in der Mitte, abklatschen, Bus. Dazwischen bleibt Zeit für einen Blick auf die Stadt, auf die Ortaköy-Moschee direkt am Wasser, die Bosporusbrücke dahinter und Tauben auf Kopfsteinpflaster, die genau wissen, dass ihnen hier niemand etwas tut. Am Abend dann der Teil, für den man eigentlich hergekommen ist.

Und der lief richtig gut. 101:93 gewinnen die Bayern bei Efes, zur Pause steht’s schon 54:46. Duane Washington legt 21 Punkte auf, Andreas Obst 20. Erinnert sich noch jemand an die Sorge um Obsts Dreierquote? Eben. Für die Bayern ist es der zweite Saisonsieg in der Euroleague, eingefahren bei einem der Schwergewichte aus Istanbul – auch wenn es bei Efes gerade selbst nicht ganz rund läuft. Danach: Kabine, Bus, Hotel, Hafen bei Nacht. Gute Laune ist schwer zu filmen. Aber sie war da.

Donnerstag ist offiziell Offday, was im Profisport bedeutet: Training gibt’s trotzdem, nur eben kürzer. Der Rest des Tages gehört der Stadt. Çay und Suppe am Morgen, Fladenbrot und ein Berg Petersilie zum Mittag, ein Kaffee in Fişekhane, ein Spaziergang an der Promenade, wo sich die Frachter am Horizont aufreihen wie die Autos auf der Küstenstraße. Eine schwarze Katze lässt sich kraulen, eine graue döst auf den Wellenbrechern, eine dritte bewacht ihr eigenes Futterhäuschen. Irgendwann haben wir aufgehört zu zählen.

Dann die Fähre. Wer Istanbul verstehen will, sollte das mindestens einmal machen: Möwen, die neben dem Schiff herfliegen, die türkische Flagge am Heck, Sonnenuntergang hinter der Silhouette der Altstadt. Zurück an Land leuchtet die Moschee am Abend blau. Kitschig? Vielleicht. Aber kitschig ist manchmal eben auch einfach schön.

Freitag, Gameday zwei. Shootaround am Morgen, später noch kurz durch den Basar, zwischen bunten Lampen, Gewürzen und Gedränge, ein Abstecher zum Kebapçı – und am Abend wartet Beşiktaş. Feuerfontänen beim Intro, eine Halle in Schwarz-Weiß und eine erste Halbzeit, die man am liebsten schnell vergessen möchte: Beşiktaş trifft vor der Pause neun Dreier (Vereinsrekord), zur Halbzeit steht’s 35:53, zwischenzeitlich liegen die Bayern mit 28 Punkten hinten.

Wäre das Spiel da gelaufen, wäre das hier ein kurzer Absatz. Ist es aber nicht. Die Bayern kommen zurück, Stopp für Stopp, Korb für Korb, und sechs Minuten vor Schluss steht es 75:75. Kurz sieht es so aus, als würde aus dieser Dienstreise eine Geschichte, die man noch lange erzählt. Dann aber dreht Scottie Wilbekin auf – zwölf seiner 20 Punkte macht er in den letzten sechs Minuten – und am Ende steht ein 87:95. Bitter? Klar. Aber auch eine Niederlage, aus der man etwas mitnehmen kann. Wer 28 Punkte aufholt, weiß zumindest, dass der Motor läuft. Er muss nur früher anspringen.

Viel Zeit zum Ärgern bleibt ohnehin nicht, denn nach Hause geht’s noch lange nicht. Statt Richtung München fliegt der Tross nach Hamburg, wo am Sonntag das Pokal-Achtelfinale bei den Towers ansteht. Vom Bosporus an die Elbe, vom Çay zum Franzbrötchen sozusagen. Wer nach sechs Tagen aus dem Koffer müde Beine erwartet hätte: falsch gedacht.

In der ausverkauften Inselpark Arena führen die Bayern zur Pause 42:30 und bringen das Ding am Ende souverän mit 85:63 nach Hause. Duane Washington ist mit 12 Punkten wieder bester Münchner Werfer, Rokas Jokubaitis kommt auf 11. Und dann ist da noch Justus Hollatz: in Hamburg aufgewachsen, bis 2022 selbst bei den Towers, die Familie auf der Tribüne – und am Ende 8 Punkte und 5 Steals. „Wird seinen Grund haben“, hieß es zum Saisonstart an dieser Stelle über seine vielen Minuten. Bitte sehr. Bis zum Wiedersehen in der BBL darf er nach eigener Aussage „ein bisschen angeben“. Sei ihm gegönnt. Für die Bayern heißt das: Viertelfinale.

Unterm Strich: drei Spiele, zwei Siege, eine Niederlage, die trotzdem Mut macht, ziemlich viel Regen und definitiv zu viele Katzenfotos auf dem Handy. Dazu eine Stadt, die man so schnell nicht vergisst, und ein Pokal-Viertelfinale im Gepäck. Istanbul, wir kommen wieder – spätestens, wenn der Spielplan es so will. Und der will das in dieser Liga erfahrungsgemäß öfter.

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